17. Jahrgang des IMFs Lípa Musica

2018 geht das Internationale Musikfestival Lípa Musica in seinen siebzehnten Jahrgang. Seit seiner Gründung hat sich das Festival Lípa Musica als wichtigstes Kulturereignis in Nordböhmen etabliert. Jeden Herbst füllen sich die Kirchen und Konzertsäle in Česká Lípa, wo das Festival seinen Ursprung hatte, aber auch an den anderen Spielorten der Bezirke Liberec und Ústí sowie im grenznahen sächsischen Raum mit Leben, wenn das Festival hinkommt und da schon zum wiederholten Male seine besten Künstler präsentiert. Beim Festival traten in den vergangenen Jahren die besten einheimischen und internationalen Stars der klassischen Musik auf und über seine Aktivitäten informierten überregionale Musikzeitschriften und Server. Während seines Bestehens hat Lípa Musica bei seinem treuen und immer wiederkehrenden  Publikum aber auch in Fachkreisen einen starken Stand erworben.

Die zentrale Programmidee des Festivals kristallisierte sich heraus, als wir uns bewusst machten, welche Rolle eine kulturelle Institution hat, die in einer Region wirkt, die in der Vergangenheit durch das Aufeinandertreffen von Kulturen geformt und auch verletzt wurde. Die Sudetenfrage ist bis heute  eine Herausforderung, die grundlegenden humanitären Werte und das Gefühl der  Zusammengehörigkeit zu stärken, freundschaftlichen Dialog, Verständnis und gegenseitigen Respekt zu pflegen. Mit den Mitteln des musikalischen Dialogs und des kulturellen Austauschs entsteht nicht nur eine natürliche Plattform, sondern auch positive Stimuli für die Kultivierung des gesellschaftlichen Dialogs. Und eben darin sieht das Festival am ehesten seine Bestimmung, weshalb es sich vornimmt, in der kommenden Etappe die deutsch-tschechische kulturelle Zusammenarbeit zu stärken und zu vertiefen. Diese Kooperation wird mit fünf Konzerten in Deutschland, mit der Rückkehr nach Bautzen und der Aufnahme von vier Projekten mit deutschen Gästen ins Programm weitergeführt.

In der Saison 2018 hat das Festival eine Reihe einzigartiger Projekte im Angebot. Die zentralen Motive sind jedoch stets gleich. Konzerte von höchster Qualität sollen das Publikum ansprechen und damit zu einer Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas in ganz Nordböhmen beitragen, einer wiederholt fälschlicherweise als kulturfern abgestempelten Gegend. Ein weiteres Ziel ist es, zum Dialog mit dem grenznahen Sachsen beizutragen und beste nachbarschaftliche Beziehungen, Partnerschaft und Freundschaft zu entwickeln. Das macht das Festival Lípa Musica aus der tiefen Überzeugung, dass gemeinsame kulturelle Erlebnisse eine heilsame Kur für die wechselseitigen Beziehungen sind, die in der Geschichte mehrfach katastrophale Schrammen abbekommen haben. All das soll ein attraktives Programm befördern, das wir für die kommende Saison vorbereitet haben.

Bereits etliche Jahre findet der Sommerprolog des Festivals im sächsischen Oybin in den Ruinen des von Karl IV.  gegründeten Klosters statt. Diesmal stellt sich an diesem Ort, wohin das Festival die besten und profiliertesten tschechischen Interpreten bringt, das experimentelle klassische Quartett Clarinet Factory vor, das ein mutiges Projekt der Verbindung  von Klarinetteninspiration mit elektronischer Musik präsentiert.

Das eigentliche Festival eröffnen im September die Star-Mezzosopranistin Magdalena Kožená und das auf alte Musik spezialisierte Collegium 1704, ein tschechischer Klangkörper von Spitzenniveau unter der Leitung von Václav Luks, der nach mehreren Jahren Pause zum Festival zurückkehrt.  Eine ähnlicher Qualität, wenn auch aus dem Kammermusikfach, bietet das Johannes Brahms und Antonín Dvořák gewidmete Abschlusskonzert mit dem international anerkannten Pavel Haas Quartett und dem russischen Pianisten Denis Kozhukhin.

An die Gründung des Tschechoslowakischen Staates vor 100 Jahren erinnert das Festival nicht nur direkt am 28. Oktober mit dem Abschlusskonzert mit Musik von Dvořák in der Interpretation des international anerkannten Pavel Haas Quartetts und des russischen Pianisten Lukáš Vondráček, sondern auch schon am Vorabend des 100. Jahrestages der Republik mit einem  Klavierrezital von Jitka Čechová nach Kompositionen von Bedřich Smetana. Dieses Konzert wird zudem eine Begleitveranstaltung zur großangelegten Ausstellung des Heimatmuseums in Česká Lípa zum Jubiläumsjahr. Bezug zur tschechischen Geschichte hat auch das Programm Petr Eben & Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens, das die Botschaft von Komenský für die heutige Zeit interpretiert und wo neben dem Organisten Tomáš Thon Marek Eben als Rezitator auftritt.

Das Programm des ganzen Festivals ist voller berühmter bzw. hoffnungsvoller Namen. Dabei sind gleich mehrere dramaturgische Linien zu erkennen. Eine besteht aus Programmen, die den 100. Jahrestag der tschechoslowakischen Staatsgründung reflektieren. Die werden vom Festival in einer eigenständigen Reihe erfasst und für einen speziellen Themenkreis angemeldet.

Eine gegenwärtige Rezeption der musikalischen Spuren in der Region wird die Begegnung mit der Musik des Komponisten Miloš Bok, der sich selbst als Sudeten-Komponisten bezeichnet. Beim Festival wird er nicht nur durch seine  Musik, sondern auch physisch zugegen sein. Mit dieser Einladung  bekennt sich Lípa Musica zur lokalen Musiktradition und beginnt einen Zyklus, der in jedem Jahr das Schaffen eines Gegenwartskomponisten vorstellen will, der aus der Region kommt, wo das Festival entstand, und dessen Musik mit dieser Region und ihrer Geschichte verbunden ist. Miloš Bok wird die erste so vorgestellte Persönlichkeit sein. Die Festivalbesucher haben Gelegenheit, sich in einer Gesprächsrunde mit ihm zu treffen, wobei Miloš Bok mit ihnen spricht, sie in seine schöpferische Ästhetik einführt und ihnen am Klavier Auszüge aus seinen Kompositionen vorspielt.

Am Tag darauf wird Miloš Bok dann das Festivalkonzert im deutschen Zittau dirigieren, bei dem der weltbekannte Hornist Radek Baborák Solist ist, der auch Mitglied des künstlerischen Rates des Festivals ist, während des Festivals Meisterkurse an der Musikschule in Česká Lípa gibt und ein gemeinsames Konzert mit den Schülern bestreitet. Das Festival Lípa Musica unterstützt mit diesem Segment stolz die lokalen musikalischen Talente.

Traditionelle Klassikkonzerte bilden jedes Jahr einen wesentlichen Bestandteil der Dramaturgie des Festivals. Für 2018 haben wir daher ein Kammermusikprogramm mit Hana Blažíková und Barbora Kabátková vorbereitet, dass dem französischen Barockkomponisten François Couperin gewidmet ist, aber auch die zauberhaften Klarinettenquintette von Mozart und Brahms in der Interpretation des weltweit anerkannten Virtuosen Milan Řeřicha, der dabei vom Ensemble Energie Nuove unterstützt wird. Ein reines Vokalprojekt ist das Konzert des deutschen Ensembles Sjaella.

Alljährlich widmet sich das Festival auch der Aufführung von geistlicher und Kirchenmusik. 2018 vermittelt der Organist Vladimír Roubal ein solches Erlebnis, wenn er das Königsinstrument der Region in der Kirche von Mikulášovice erklingen lässt. Orgelklänge werden aber auch auf der anderen Seite der Grenze im sächsischen Schirgiswalde zu hören sein, wo sie den Auftritt des jungen talentierten Trompeterduos Vilém und Walter Hofbauer begleiten. Ein weiteres für die Zuhörer in Deutschland bestimmtes Konzert präsentieren die Prager Kammersolisten. Dieses tschechische Spitzenensemble tritt hier unter der Leitung von Radek Baborák mit einem Programm auf, das Bach, Grieg und Beethoven gewidmet ist. Das Ensemble stellt sich hier im Laufe des Tages gleich zweimal vor, im Deutsch-Sorbischen Volkstheater gibt es eine Vormittagsvorstellung für die dortigen Schulen. Das Festival unterstützt und inspiriert so junge Talente nicht nur an seiner Heimatadresse in Česká Lípa, sondern auch auf der anderen Seite der Grenze.

Weitere einzigartige Programme sollten nicht vergessen werden. Eines davon stellt Jakub Kydlíček, einen Solisten auf der barocken Blockflöte, und seine begleitenden Musikanten auf barocker Geige und Cello, Theorbe und barocker Gitarre vor. Unter den außergewöhnlichen Musikerlebnissen wird für die meisten Zuhörer das Konzert eines deutschen Duos in Česká Lípa ein besonderes Erlebnis sein. Das Duo besteht aus dem Pianisten Christopher Tarnow und Carolina Eyck, deren wenig bekanntes elektronisches Instrument Theremin Streicher und selbst die menschliche Stimme imitieren kann.

Das letzte musikalische Genre, in das das Festival sein Publikum entführt, ist die Weltmusik. Lípa Musica stellt die Varmuž-Zymbalmusik aus Svatobořice-Mistřín vor, die direkt im Freilichtmuseum von Zubrnice ein teils weltlicher, teils geistlicher Volksmusik gewidmetes Konzert aufführen. Der weltliche Teil findet in der authentischen Umgebung des Museums statt, während die Lieder, die das Leben von Heiligen beschreiben, in der dortigen Kirche erklingen. Ein Projekt findet also zugleich an zwei Orten statt.

In früheren Jahren traten hier Ensembles auf, die sich der traditionellen mährischen, jüdischen oder Romamusik widmen, und dieser dramaturgischen  Linie bleiben wir auch in der Saison 2018 treu. Einer, der ganz gewiss in der Weltmusikszene herausragt, ist der Roma, Sänger, Akkordeonspieler und Pianist Mário Bihári, dessen solistische Auftritte stets ein ganz besonderes Erlebnis sind.

Bei den völkerkundlichen Ausflügen von Lípa Musica 2018 gibt es noch ein wichtiges Ereignis, den Auftritt des Sorbischen National-Ensembles aus der Lausitz im Děčíner Theater. Sie zeigen hier ihr Programm mit dem Namen Moja Reja!, Tanz. Freude, wobei das Orchester, der Chor und die Tänzer die Zuschauer in die temperamentvolle Welt von Volkstanz und Volksmusik entführen. Mit dem musikalischen Kontakt zu den Lausitzer Sorben bekennt sich das Festival Lípa Musica aus Česká Lípa erneut zum regionalen Erbe, denn in der Vergangenheit gab es sehr intensive Beziehungen zwischen den sorbischen und tschechischen kulturellen Eliten und eine Reihe dieser Treffen spielte sich gerade im Gebiet von Česká Lípa und Varnsdorf ab, wo in den Nachkriegsjahren auch sorbische Gymnasien existierten.

Die Konzertsaison 2018 nimmt also schon feste Gestalt an und in ihr verbinden sich traditionelle und humanistische Werte, die das Festival seinem Vorsatz gemäß fördern und präsentieren will. Dieses feste Fundament ist verankert in der Betonung der lokalen Musikgeschichte, in der Initiierung und praktischen Ausgestaltung des deutsch-tschechischen Kulturdialogs und der Propagierung und Förderung  der klassischen Musik bei der talentierten lokalen Jugend.