Lípa Musica 2016 - nicht nur die deutsche Kapitole

Der 15. Jahrgang des Internationalen Musikfestivals Lípa Musica fand vom 14. September bis zum 10. November 2016 statt, dazu kamen zwei Prologe am 20. Mai und am 8. Juli im Vorfeld der Feierlichkeiten. Im Verlauf des Festivals gab es 23 Konzerte an 18 Spielstätten in den Bezirken Liberec und Ústí sowie im grenznahen Sachsen. Die Jubiläumsdramaturgie betonte die vokal-geistliche Basis des Festivals, das aus dem ursprünglichen Festival geistlicher Musik Česká Lípa erwuchs, erinnerte an markante Projekte und Gastkünstler, die in den vergangenen Jahren beim Festival auftraten, bot aber zugleich auch eine Reihe neuer Programme mit etlichen Premieren und neuen Künstlergesichtern.  Neu waren auch zwei Festivalorte  - Litoměřice und Úštěk. Es erklang symphonische, Vokal- und Kammermusik und neben dem zentralen klassischen Genre konnten die Besucher auch erfrischende Jazz- und Tanzdarbietungen verfolgen oder eine Popp-Legende treffen. Der absolute Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 15. Jubiläum des Festivals war ein ganz außerordentliches Projekt, wo unser erstes Orchester, die Tschechische Philharmonie, nach 45 Jahren zum ersten Mal wieder in der nordböhmischen Metropole Liberec auftrat, und zwar mit dem weltberühmten Dirigenten Semjon Byčkov und mit dem Klaviervirtuosen Kirill Gerstein. Auch in diesem Jahr fehlte nicht die traditionelle Vorstellung junger Talente der Musikschule Česká Lípa.

Das Festival veranstaltete ARBOR – Verein für geisliche Kultur und die Schirmherrschaft für den 15. Jahrgang des Festivals Lípa Musica übernahmen der Minister für Kultur Mgr. Daniel Herman, der deutsche Botschafter  J. E. Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Dr. Eva-Marie Stange, der Bischof von Litoměřice Mons. Jan Baxant, der Hauptmann des Bezirks Liberec Martin Půta und die Stiftung von Dagmar und Václav Havel VISION 97.

Der 15. Jahrgang geht in die Geschichte des Festivals mit neuen Rekorden bei der Anzahl der Spielstätten, aber vor allem bei der Besucherzahl ein. Mehr als zwei Drittel der Konzerte waren total ausverkauft, bei den übrigen überschritt die Besucherzahl in den meisten Fällen 90 %. Absolut ausgedrückt gab es nach ersten Berechnungen bei den 23 Konzerten des diesjährigen 15. Lípa Musica fast 4.500 Besucher.

Reflexion der wichtigsten Konzerte (Auszug):

Königlicher Prolog

Der zweite Prolog der Feierlichkeiten zum 15. Festivalgeburtstag führte über 200 Besucher an einen magischen Ort im grenznahen Sachsen. Die suggestive Kulisse der Ruine der Klosterkirche auf der Burg Oybin war beim zweiten Festivalpräludium angefüllt mit den Klängen des Residenzensembles des Festi-vals Schola Gregoriana Pragensis. Nach dem exotischen Treffen mit japanischen Mönchen und ihrer buddhistischen Kultur im Mai war der Abend des achten Juli der Würdigung einer der markantesten Per-sönlichkeiten nicht nur der tschechischen Geschichte, dem König und Kaiser Karl IV., gewidmet.

Ein Jahr zuvor hatte das Festival an diesem besonderen Ort, der stark mit der tschechischen Geschichte verbunden ist, an die Persönlichkeit G. de Machauts erinnert, der am Hofe Johann von Luxemburgs wirkte. In diesem Jahr, da die Feierlichkeiten zum 700. Geburtstag Karls IV. das hervorragendste Ereig-nis der tschechischen Kulturszene bilden, wurde ein neues Projekt von David Eben und seiner Schola in das Programm aufgenommen, das vollständig der Präsentation der Musikkultur des zweiten Kapitels der mit den Luxemburgern verbundenen Geschichte Böhmens verschrieben ist.

Karel IV. wirkte selbst auf dem Oybin und gründete hier das Cölestinerkloster, von dem die Mauern der Kirche noch heute zeugen. Sie bildeten den Resonanzraum für die sakralen und weltlichen Gesänge aus der Zeit Karls IV. in der Interpretation des Chores Schola Gregoriana Pragensis, bereichert durch die Stimme von  Barbora Kabátková und die Klänge der gotischen Harfe von Hana Blažíková. Die ein- und mehrstimmigen Choralgesänge kontrastierten zu den alttschechischen Liedern und das musikalische Programm führte den Zuhörer so  geschickt durch die Lebensabschnitte des Landesvaters, erinnerte an seine Erfolge, seine Taten und einige seiner Vorlieben. David Eben stellte das Programm treffend mit den Worten vor: „Wir wünschten uns, dass unser Vortrag eine musikalische Analogie zu den farbigen goti-schen Glasfenstern aus der Zeit Karls IV. wäre. Wir waren bemüht, die Vielschichtigkeit der zeitgenössi-schen Musikkultur des 14. Jahrhunderts zu erfassen.“ Und das ist ihm zweifelsohne restlos gelungen. Das im Kern mit dem Prager Milieu verbundene Programm erhielt durch den Genius loci der Oybiner Ruinen, die bis heute den Geist der ungewöhnlichen Persönlichkeit Karls IV. atmen, eine weitere Dimen-sion. Und so schritt Lípa Musica kühn und mit einem durch langen Applaus und Bravorufe bestätigten Erfolg den Feierlichkeiten zu seinem halbrunden Geburtsjahr entgegen, die am 14. September in Česká Lípa mit Radek Baborák und der Tschechischen Sinfonietta und deren geschätzten deutschen Gästen ihren Anfang nehmen.

Rezension: http://operaplus.cz/karel-iv-lipa-musica/

Lípa feiert und jubelt

Langanhaltender Applaus, Bravorufe und Fußstampfen, so „jubelt Lípa". Die bis auf den letzten Platz gefüllte Basilika Aller Heiligen in Česká Lípa war am Mittwoch, dem 14. September, Zeuge der feierlichen Eröffnung des 15. Jahrgangs des internationalen Musikfestivals Lípa Musica. Unter Teilnahme der Bürgermeisterin der Stadt Česká Lípa Mgr. Romana Žatecká und des Hauptmanns des Bezirks  Liberec Martin Půta trug eines der Ensembles von Radek Baborák, die Tschechische Sinfonietta, gemeinsam mit einem Trio von deutschen Solistenstars Werke von Mozart und Beethoven vor. Den feierlichen Abend eröffnete die Funken der Freude versprühende Sinfonia concertante für Bläser von Mozart. Obwohl der Part für Oboe und der für Fagott erst zwei Tage zuvor umbesetzt werden mussten, so glänzten doch die eingesprungenen Sophia Dartigalongue und Viola Wilmsen, Sterne der Wiener Philharmonie und führender deutscher Klangkörper, mit brillanter Leistung. Den Abend krönte die Zweite Symphonie von Beethoven, die von der Tschechischen Sinfonietta unter Radek Baborák mit imposanter Dramatik und Gefühl fürs kleinste Detail interpretiert wurde. Der Eröffnungsabend des 15. Lípa Musica wurde seinem jubelnden Untertitel gerecht und bot ein hervorragendes symphonisches Ereignis auf internationalem Niveau, welches das begeisterte Publikum mit langanhaltendem stehendem Beifall und Bravorufen belohnte, worauf die Tschechische Sinfonietta als Zugabe das Scherzo aus Beethovens Dritter Symphonie spielte. Damit begann die fünfzehnte dicht gepackte nordböhmisch-sächsische Konzertreihe, die Anfang November in einem Galakonzert der Tschechischen Philharmonie in Liberec gipfelt. Bereits am Sonntag jedoch geht das Festival mit einem Orgelrezital in Prysk weiter.

Rezension: http://operaplus.cz/zahajovaci-koncert-lipy-musicy-oslava-lekce-ceske-si...

 

VocaMe in Litoměřice, die Magie des weiblichen Prinzips

Mit dem Konzert am Sonnabend besuchte das Festival Lípa Musica die historische Königsstadt Litoměřice. Das Festival, dessen Schirmherrschaft auch der Bischof von Litoměřice Mons. Jan Baxant übernommen hat,  machte damit zum ersten Mal in der Metropole des Bistums halt. Es führte sich hier mit einer dramaturgischen Perle dieses Jahrgangs ein. In der Dekanatskirche Aller Heiligen trat das hervorragende deutsche Vokalensemble VocaMe auf und vermittelte ein einzigartiges Erlebnis. Es ist schwer, Worte für die Eindrücke zu finden, die das ätherische weibliche Quartett, begleitet vom künstlerischen Leiter Michael Popp, bei den Besuchern hervorrief. Totale Schönheit, akademisches Niveau, bemerkenswerte Reinheit, präzise und voll verständliche Übertragung fast tausend Jahre alter Information. All das könnten Assoziationen sein, die die Impressionen des Abends wiederzugeben versuchen, aber wahrscheinlich ist das noch zu wenig. Kein Wunder, ist doch das Ensemble VocaMe eine voll etablierte Formation, die trotz ihrer noch kurzen Existenz ein riesiges Arbeitspensum absolviert hat und auch das anspruchsvollste Publikum in seinen Bann zieht. So war es auch in Litoměřice, wohin das Ensemble eilig nach dem Konzert am Vorabend in Zürich gekommen war. Für eine rein technische Beschreibung der perfekten Arbeit des Ensembles sei hier erwähnt, dass aus Krankheitsgründen für eine der Sängerinnen eine Vertretung einspringen musste. Wenn die zum Ensemble gehörende Mezzosopranistin Petra Noskau diese Tatsache vor dem Auftritt dem Publikum nicht mitgeteilt hätte, so hätte es wohl niemand bemerkt. Im Gegenteil, die betreffende Sängerin lieferte eine brillante Leistung ab. Das diesjährige Programm von Lípa Musica ist stark den vokalen Projekten verpflichtet, aber schon jetzt vor den übrigen Auftritten ist man versucht zu sagen, dass eines der stärksten Programme schon hinter uns liegt. Es war eben dieses in Litoměřice.

Komplette Rezension: http://www.i-noviny.cz/lipa-musica/vocame-v-litomericich-magie-zenskeho-...

 

Amarcord: Professionalität und Überblick

Nachdem sich Lípa Musica so exzellent in Litoměřice eingeführt hatte, präsentierte sich das diesjährige Festival zum zweiten Mal im Bezirk Ústí. Im Bibliothekssaal des Děčíner Schlosses fand am Donnerstag, dem 29. 9. ein Konzert des deutschen Männervokalensembles Amarcord statt. Der Abend war in vielerlei Hinsicht besonders. Amarcord präsentierte wie auch eine knappe Woche zuvor das weibliche Ensemble VocaMe in Litoměřice die beste deutsche Vokalschule. Ganz unabhängig davon, wen das Festival in den vergangenen Jahren aus diesem Genre aus Deutschland zu Gast hatte, stets vertraten sie ein Spitzenni-veau. Das galt wohl doppelt für das sympathische Quintett aus Leipzig, das mit einem klaren Ziel ins Děčíner Schloss kam.

Dieses Ziel demonstrierte das Ensemble schon im ersten Stück aus der Feder des französischen Kompo-nisten Camillle Saint-Saëns. Im Text seiner Winterserenade wiederholt sich mehrfach das Versprechen, dass „chanson plaisentera vos âmes“(das Lied wird Ihre Seelen erfreuen). Was an diesem Abend gleich mehrfach geschah. Nur schade, dass diese Magie in Děčín kein voller Saal erleben konnte, der einer Darbietung solcher Qualität sicher angemessener wäre.

Der Tenor des Ensembles Wolfram Lattke sagte bei einem Gespräch vor dem Konzert, dass Amarcord ohne einen gemeinsamen Sinn für Humor wohl nicht funktionieren könnte. Diese herzliche Beziehung zwischen den Sängern war vom Beginn des Konzertes an zu spüren. Die Sänger waren nett, entspannt und witzig gepaart mit unglaublicher Professionalität und einem einmaligen resultierenden Ausdruck des Ensembles. Der ist ausgesprochen verspielt und ausgelassen, die Sänger strahlten echte Freude aus und es gab keine Spur von Anspannung. Diese Emotionen verbreitete das Ensemble problemlos und barriere-frei im Publikum, in dessen Gesichtern sich eine glückliche und entspannte Mimik zeigte.

komplette Rezension: http://www.i-noviny.cz/lipa-musica/amarcord-profesionalita-i-nadhled#.WE...

Ungewöhnlich zärtlicher Montag. Markéta Cukrová und Barbara Maria Willi

Bei seinem Ausflug über die Grenze ins sächsische Großschönau präsentierte das Festival Lípa Musica bei den Nachbarn die Mezzosopranistin Markéta Cukrová, die von der Professorin der Brünner Janáček-Akademie musischer Künste Barbara Maria Willi am Hammerklavier begleitet wurde. Der großartige Abend begann mit Liedern von Václav Jan Křtitel Tomášek und gleich nach Erklingen des ersten Titels Am Flusse erstarrte das Publikum konsterniert in absoluter Stille. Die Interpretinnen hatten von Beginn an die Messlatte der Qualität des Auftritts sehr hoch angesetzt und es muss gesagt werden, dass es ihnen gelang dieses Niveau während des ganzen Konzerts beizubehalten. Alles war vollkommen und präzise, ob es dabei um die zarte und doch starke Stimme von Markéta Cukrová handelte oder um die anmutige Begleitung auf dem Hammerklavier durch Barbara Marie Willi.

Der Abend überschritt die Grenzen der einzelnen Stile vom Spätbarock über den Klassizismus bis zur Romantik. Er präsentierte Musik, die zu ihrer Zeit speziell für das Hammerklavier komponiert wurde, mit dessen Geschichte und Mechanismus während des Konzerts Barbara Maria Willi die Besucher kurz vertraut machte.

Bei dem Konzert, das im grenznahen Sachsen stattfand, wurde die Betonung anfangs auf die tschechischen Komponisten gelegt, die der deutschen Musik nahestanden, also auf die deutsche Lieder komponierenden Václav Jan Křtitel Tomášek und Jiří Antonín Benda. Letzterer verbrachte lange Jahre in den Diensten des preußischen Königshofes. Mit dessen Sonatinen stellte sich das Hammerklavier als Soloinstrument vor.

komplette Rezension: http://operaplus.cz/vyjimecne-nezne-pondeli-marketa-cukrova-barbara-mari...