Liberec, F. X. Šalda Theater

Die Geschichtsschreibung des Reichenberger Theatergebäudes, des heutigen F. X. Šalda Theaters, beginnt kurz nach dem Brand des Tuchmachertheaters am 24. April 1879. Zur Ausarbeitung des Projektes für das neue Theater wurden die Wiener Architekten Ferdinand Fellner (1874 - 1916) und Hermann Helmer (1849 - 1919) berufen, deren Architekturbüro lange Jahre zu den bedeutendsten in Europa gezählt wurde. Sie beschäftigten ein Team von Fachleuten, mit dem sie in enger Zusammenarbeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Theatergebäude in einer Reihe europäischer Städte errichteten. Zu diesen gehören das Stadttheater in Wien (1872), das Volkstheater in Pest (1875), das Stadttheater in Augsburg (1877), das Stadttheater in der Basteigasse in Brünn, das heutige Mahen-Theater (1882), das Stadttheater in Fiume (1885), das Stadttheater in Pressburg - das heutige Slowakische Nationaltheater (1886), das Stadtheater Karlsbad (1886) und das Stadttheater in Odessa (1887), das Neue Deutsche Theater in Prag - das heutige Smetana-Theater (1887), das Volkstheater in Wien (1889), das Stadttheater in Zürich (1891) und weitere. Für diese damals hoch angesehene Firma war eine optimale architektonische Konzeption mit einer für die damalige Zeit sehr progressiven und mit Geschäftsgeist verbundenen Technologie kennzeichnend. Ihre Bauwerke zeichnen sich durch eine erstklassige Durchführung aus, die dem damaligen Geschmack und den ästhetischen Vorstellungen der anspruchsvollen Kunden voll entsprach. Zu diesen gehörten auch die Ratsherren und Gönner der Stadt Reichenberg, dank derer die Stadt in den Besitz dieses Theatergebäudes kam, das zu den gelungendsten Projekten der Herren Fellner und Helmer gezählt wird. Im September 1881 wurde der Grundstein zum neuen Theater auf dem Gemeindegrundstück in der Nähe des Rathausplatzes (heute Dr. Edvard Beneš-Platz) gesetzt. Das Bauvorhaben wurde von den Reichenberger Baumeistern Sachers und Gärtner durchgeführt. Nach einer nicht allzu langen Zeit, nämlich schon am 29. September 1883, wurde das Stadtheater mit Schillers "Wilhelm Tell" und der Ouverture von Gioacchino Rossini feierlich eröffnet. Das Theatergebäude, das im Neurenais-sancestil erbaut wurde, ist vorteilhaft im Stadtzentrum gelegen und fügt sich mit seinen Proportionen gefühlvoll zwischen die umgebenden Bauten ein. Die Stirnseite wird durch einen reichen Stuckaturschmuck betont und von allegorischen Statuen eingerahmt. In der Eingangssaxiale sind die beiden Statuenhauptgruppen angeordnet; rechts die sitzende Statue, die Kunst, sie hält in der Hand eine Fackel; links ist der sitzende Gott Apollo, umgeben von Genien auf Delphinen aufgestellt. Weiter rechts sind stehende Statuen verschiedener Musen und Göttinnen aufgestellt: Erato, die Muse der Liebesdichtung, Terpsichore, die Muse des Tanzes und Fortuna sowie die Göttin Flora mit Blumen. Diese Sandsteinskulpturen wurden alle nach dem Entwurf des Wiener Bildhauers Bendel vom Wiener Steinmetz Reinhold Völkel ausgeführt. Die Innenarchitektur des Theaters wirkt trotz eines gewissen Strebens nach Monumentalität durch ihre reiche Gliederung und den vertikalen Raumaufbau und ihre Abmessungen sehr intim. Man könnte behaupten, dass sie angenehme Proportionen aufweist. Ein nicht wegzudenkender Teil der Innenatmosphäre ist die skulpturelle und malerische Ausschmückung. Das Eingangsfoyer wird von zwei mächtigen Marmorsäulen getragen, hinter welchen seitlich zwei breite Treppenaufgänge verlaufen. Im Balustradengeländer, ebenfalls aus Marmor, befindet sich am Treppenabsatz eine Statuengruppe zweier nackter Knaben, die einen hohen vierarmigen Leuchter halten. Der Zuschauerraum wurde mit einer reichen Stuckaturverzierung geschmückt; die Deckengemälde vom Wiener Maler H. Löffler stellen den Lauf des Lebensalters und der Musik dar. Der Hauptvorhang ist das Werk des österreichischen Meisters Gustav Klimt (1862 - 1918), des späteren Hauptvertreters des Wiener Jugendstils und der europäischen Malerei um die Jahrhundertwende. Den Theatervorhang schuf er gemeinsam mit seinen Mitschülern Franz Matsch (1861 - 1942) und dessen jüngerem Bruder Ernest (1864 - 1892) noch während seiner Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule. Der Vorhang des Reichenberger Stadttheaters gehört zu G. Klimts ersten Aufträgen und geht daher vom damals noch vorherrschenden neu-renaissancistischen und historisierenden Stil aus. Das Sujet des Vorhanges ist eine Allegorie mit der Bezeichnung "Triumph der Liebe". Leider ist das Schriftbild heute nur noch sehr schwer leserlich. Viele Jahre war der Vorhang Witterungseinflüssen ausgesetzt und zwar im Bereich des Schnürbodens mit extrem wechselnden klimatischen Bingungen, die zusammen mit der im Theater auftretenden hohen Staubbildung ihr zerstörendes Werk ausführten. Erst bei der tiefgreifenden Rekonstuktion der Bühne und des Zuschauerraumes in den Jahren 1968 - 69 wurde Klimts Theatervorhang sehr kostenintensiv restauriert, doch selbst dieser fachmännisch ausgeführte Eingriff konnte dieses wertvolle Werk nicht mehr in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Ein weitaus besser erhaltenes Meisterwerk aus der Werkstatt der "Künstlercompagnie" der Gebrüder Klimt und F. Matsch stellt der um viele Jahre jüngere Vorhang im Karlsbader Stadt-theater dar, der durch seine äusserst komplexe Allegorie "Apotheose der Dichtkunst" einen Beweis der ästhetischen, gedanklichen und kompositionellen Lauterkeit und technischen Handfertigkeit seiner Schöpfer darstellt. Abschlie_end kann ohne Übertreibung behauptet werden, dass das Reichenberger Theater zu den besten Gebäuden gehört, die in diesem architektonischen Bereich in unserem Land erbaut wurden. Heute, nach der durchgeführten Restaurierung des Aussenmantels des Gebäudes und der Umgebung, strahlt diese Perle der Jugendstilbau-kunst mit erneuter Schönheit den Passanten stolz entgegen. Möge dieses Theater auch all jenen entgegenstrahlen, die noch im nächsten Jahrhundert vorbeigehen Arden.