Worte der künstlerischen Garantin Hana Blažíková

Der Mensch äußert sich wohl von den Anfängen seiner Existenz an durch seine Stimme. Nicht nur die Sprache, sondern auch Geschrei und weitere emotive Klangäußerungen sind ein Zeichen unserer Menschlichkeit. Übrigens teilen wir diese Äußerungen mit dem ganzen Tierreich. Von anderen Tierarten unterscheidet uns jedoch eine besondere Form der artikulierten Geräusche, die uns ein außerordentliches Vergnügen bereitet: der Gesang. Wir singen, um unsere Gefühle auszudrücken, wir singen, wenn wir eine Geschichte erzählen wollen, wenn wir uns verschiedene Fertigkeiten aneignen, Gesang begleitet unsere Rituale und verleiht ihnen dadurch die Wichtigkeit und Feierlichkeit. Wir hören auch gern dem Gesang zu und resonieren mit der Stimme anderer Sänger. Der Gesang ermöglicht uns in das Gemüt einzelner Figuren einzudringen, er zwingt uns, emphatisch zu erleben, was der Sänger singt. Und das gilt bei Weitem nicht nur für klassische und europäische Musik, wir sind im Stande, uns in den Gesangausdruck von fast jeder Ethnie und jeder Musikart auf der Welt einzufühlen. Im Gesang nehmen wir etwas Wesentliches wahr, etwas, dass wir mit der ganzen Menschheit teilen. Bis heute zieht mich die riesige Vielfalt der stimmlichen Ausdrucksarten der Menschen an. Als künstlerische Garantin des Festivals Lípa Musica 2022 habe ich die Möglichkeit, mehrere Lagen meines eigenen stimmlichen Ausdrucks in mehreren Projekten vorzustellen.

Zu den meistverbreiteten Arten des stimmlichen Ausdrucks gehört der Gesang in der Gruppe – sei es im Chor oder in einem Ensemble. Die Menschen sangen seit jeher während ihrer Rituale – sowohl der religiösen, als auch jener, die unseren, oft routinierten Alltag begleiten. In (nicht nur christlichen, sondern beispielsweise auch buddhistischen) Klöstern auf der ganzen Welt ist Gesang untrennbarer Bestandteil des gemeinsamen Lebens. Er begleitet die Liturgie oder weitere geistliche Rituale und erfüllt gleich mehrere Funktionen: die Feierlichkeit des Augenblicks zu unterstreichen, das Kollektiv zu vereinigen, die heiligen Texte nachzuerzählen, eine gelehrte Unterhaltung anzubieten usw. In Europa kennt man den gregorianischen Choral als die typische Form eines geistlichen kollektiven Gesangs. In den Böhmischen Ländern erschien dann im 15. Jahrhundert ein Unikat: der hussitische liturgische Gesang, der insbesondere im Gesangbuch von Jistebnice festgehalten wurde. Aus dieser Quelle wird das Konzert mit dem Tiburtina Ensemble schöpfen, einer Frauenvokalgruppe, die sich der Wiederbelebung der Tradition des gregorianischen Chorals und der mittelalterlichen Polyphonie widmet.

Ein weiterer Typ des Vokalausdrucks im Mittelalter war das geistliche Lied, oft mit einer großen ästhetischen Sorgfalt komponiert, wenngleich heute zum großen Teil anonym. Diesen Typ des Vokalausdrucks stellt das Programm Cantigas de Santa Maria vor, das auf eine berühmte, am Ende des 13. Jahrhunderts auf der Burg Burgos in Kastilien entstandene Sammlung zurückgeht. Die Lieder unterscheiden sich sängerisch vom Chorausdruck und kombinieren verschiedene musikalische Einflüsse, arabische und jüdische Musiksprache, aber auch den Gesang der französischen Troubadouren.

Die Beliebtheit der menschlichen Stimme führte manchmal dazu, dass Instrumentenbauer versuchten, diese Qualität auch in instrumentaler Musik zu erreichen. Es gibt einige Instrumente, die tatsächlich das Ziel hatten, den Klang der menschlichen Stimme nachzuahmen oder sogar zu ersetzen. Eines dieser Instrumente, das in der zeitgenössischen Barockliteratur am häufigsten mit der menschlichen Stimme verglichen wird, ist der Zink (italienisch Cornetto). Im Programm On the Breath of Angels versuchen wir gemeinsam mit dem Zinkspieler Bruce Dickey diese Lage des Instruments zu vermitteln, die am besten im Dialog mit Sopran insbesondere in der Musik des Frühbarocks und dann auch der Gegenwart deutlich wird.

Eine weitere sehr populäre Form des Gesangs ist ein Solo-Lied. In der Zeit des Romantik wurde seine Form zur Vollkommenheit gebracht. Die besten Komponisten dieser Zeit schrieben Liederzyklen und hinterließen uns brillante lyrische oder epische Miniaturen. Dem romantischen Lied in der Zeit seiner größten Verbreitung ist das nächste Konzert gewidmet. Mit dem Klavierspieler Andreas Staier tragen wir Liederzyklen von Franz Schubert und Robert Schumann vor und ergänzen sie um einige weniger bekannte Lieder von Fryderyk Chopin.

Diese vier Konzerte präsentieren Musik von beinahe acht Jahrhunderten. Die Musik ist vielfältig, aber eins bleibt – die menschliche Stimme, der Gesang als Ausdruck der Individualität und des Erlebnisses, der uns die bunte geistige Welt der früher lebenden Menschen näherbringt, die auch wir heute erleben können.

Ich glaube, dass auch andere Vokalkonzerte beim Festival Lípa Musica ein außerordentliches Erlebnis für die Zuhörer bringen und uns neue Horizonte in der Wahrnehmung des ältesten Instrumentes der Welt – der menschlichen Stimme eröffnen.

Hana Blažíková, künstlerische Garantin des Internationalen Musikfestivals Lípa Musica 2022